Wenige Stunden nach dem letzten Park überqueren wir die Grenze nach Nevada und fahren hinab in das Tal des Lasters. In der frühen Abenddämmerung kann man vom ganzen Ausmaß Las Vegas’ noch nicht viel erahnen, aber als wir dem Zentrum näher kommen, setzt die Dunkelheit ein und die Neonstadt erstrahlt zu einem surrealen Mix aus Pomposität und Verfall. Auf Empfehlung eines Roadtrip-erprobten Freundes hin checken wir ein ins Holiday Motel, einer heruntergekommenen Spelunke, die dafür aber billig ist und direkt am Strip. Klar müssen wir auch den Klassiker mitmachen und gehen in ein Casino um dort am verbilligten Buffet abendzuessen: $9 all you can eat. Mahlzeit! Danach machen wir uns auf den Weg und laufen den Strip ab, wir schaffen es bis zum Canale Grande, auf dem gerade die letzten Gondeln durch das für Venedig ungewöhnlich saubere Wasser gleiten. Paris und New York schaffen wir nicht mehr, aber wenigstens haben wir ein paar Piratenschiffe gesehen, samt Besatzung, die mit einer Art Musicaldarbietung Menschen mit extremen Kulturdefiziten ein paar Minuten fesseln konnten. Unsere innere Uhr ist noch auf den Rhythmus der Natur eingestellt und so müssen wir zurück ins Hotel und ab ins Bett. Wir nutzen den nächsten Tag um allerlei Kuriositäten der Stadt Las Vegas zu entdecken, eine überdachte Fußgängerzone zum Beispiel, voller betrunkener Kreaturen, die vom Spielen nicht mehr wegkommen. Wir stillen auch unseren Defizit an asiatischer Kost mit japanischem Ramen bevor wir wieder der Straße gehören, dem Freeway nach California, dem letzten Abschnitt unserer Reise.

Die Autobahn steuert kerzengrade Richtung Südwesten. Etwa 20 Meilen außerhalb der Stadt durchqueren wir noch einmal einen kleinen Casino-Außenposten, der uns mit günstigen Hotelangeboten fast von der Straße gezogen hätte. Aber ich kann noch fahren, ein paar Meilen können wir noch gutmachen und so geht die Reise weiter. Schon bald verlassen wir den Staat Nevada und erreichen Kalifornien. Die Landschaft scheint sich hier zu ändern, genau aber kann man es nicht ausmachen, es ist einfach zu dunkel. Wir fahren einmal kurz ab und checken ein paar Motelpreise aber wir haben Pech, alles viel zu teuer. Gegen 11 Uhr nachts geht’s dann nicht mehr und wir fahren erneut ab. Diesmal haben wir Glück: in Barstow ist das Angebot groß und die Preise daher niedrig. Wir checken ein in ein Motel 6, ohnehin eine eher günstige Motelkette. Das Zimmer ist steril aber neu und sauber, Kabelfernseher mit Fernbedienung inklusive. Wir chillen noch eine Weile und schlafen bald tief und fest, nach Tagen mal wieder in einem richtigen Bett.

Die Weiterreise am nächsten Morgen beginnt mit einem all-American Breakfast bei iHop. Auf der Karte kein Gericht unter 800 Kalorien, die meisten Menschen um uns herum nehmen in etwas das eineinhalbfache des Tagesbedarfs an Kalorien zum Frühstück auf. Wir bestellen je 2 Spiegeleier mit ein paar Pancakes an der Seite, das muss reichen. Gut gestärkt machen wir uns an die letzten paar hundert Meilen runter nach San Diego. Der Verkehr nimmt immer stärker zu, je weiter man gen Westen stößt. Man kann das Schwarze Loch, die Stadt der Engel irgendwie erahnen, aber wir schlittern noch einmal daran vorbei. Kaum haben wir es bis in den Süden geschafft, erhalten wir einen Anruf und fahren kurz darauf wieder gen Norden, zurück nach LA (oder wenigstens in den Großraum) um uns mit Freunden und Verwandten zu treffen. Zeitgleich wird das Wetter auch immer schlechter und wir nutzen die Gelegenheit, bei der Familie unterzukommen und nisten uns für zwei Tage hier ein. Bei Wolken und Regen mag keine echte Kalifornienstimmung aufkommen und so sind wir froh, dass wir einfach Fernschauen und ins Internet können, schließlich sind wir im Urlaub und alles ist erlaubt, was uns entspannt. Natürlich fahren wir auch mal in die Stadt und schauen uns alles an. Downtown LA ist eigentlich ganz interessant. Ein wenig heruntergekommen, wie die meisten amerikanischen Innenstädte, aber irgendwie mit einem gewissen Charme. Sehr multi-kulti und vor Allem mit hervorragenden Restaurants übersät. Wir essen Taiwanisch, Koreanisch und Japanisch, einer New Yorker Version der gleichen Küche ist man hier meilenweit vorraus.

Alles hat ein Ende, so auch Kabelfernsehen und Schlechtwetter. Am dritten Tag können wir uns endlich aufmachen und fahren zurück nach San Diego. Die Stadt ist ziemlich schnell erfasst und wir checken schon am frühen Abend ein, in einem neuen Campingplatz, direkt am Meer in Cardiff by the Sea. Für einen State Park sind $50 pro Nacht recht prall, dafür wird man belohnt mit einem spektakulären Blick auf den Pazifik, raue Wasser, schroffer Fels, ein wenig Sand, alles direkt vor unserem Zelt. Ein Strandurlaub wird es dennoch nicht, auch die nächsten Tage sind eher mäßig, viel Wolken, ein strammer Wind, toll zum Surfen, schlecht um einfach relaxed am Strand abzuhängen.

Gerade als die Sonne wieder richtig raus kommen will, müssen wir los, wieder zurück nach LA, am nächsten Tag geht der Flieger nach New York. Wir genießen noch einen sonnigen Vormittag hier an der Küste und hängen wenigstens noch die Füße ins kalte Pazifikwasser. Dann nehmen wir den Freeway nach Norden. Schon auf den ersten Meilen geraten wir in den ersten Stau, aus dem wir nicht mehr richtig raus kommen. Ganz Südkalifornien ist ein einziger Stau, der Großraum LA ist total verstopft, jeden Tag, Tag ein Tag aus, immer, und wir sind mittendrin. Erst vier Stunden später kommen wir bei unseren Freunden an, mit denen wir unseren letzten Abend verbringen. Wieder einmal sind wir erstaunt über das hervorragende Essen hier in der Stadt und den grässlichen Verkehr. Für die 8 Meilen zum Aufwärmbier brauchen wir eineinhalb Stunden – im Auto versteht sich, eine Zeit die ambitionierte Nordik-Walker leicht schlagen. Dafür werden wir später mit einem Weltklasse Korean Barbeque belohnt, das das hohe Niveau, das wir hier in New York gewohnt sind, locker übertrumpft.

Erschöpft vom Genuss hochprozentiger Brandtweine auf Reisbasis vom Vortag, machen wir uns auf zum Flughafen nach Inglewood. Wir geben unseren weißen Dodge ab, der uns 2400 Meilen durch den Südwesten Amerikas gefahren hat, ohne zu murren. Wir steigen in den Flieger und es geht los Richtung Osten. An diesem klaren Tag sieht man während des gesamten Fluges unter einem die wechselnden Landschaften Amerikas vorbeiziehen und erlebt so einige Déjà Vus, die Utah und Colorado noch einmal in’s Gedächnis rufen. Wenige Stunden später sehen wir die Lichter der Stadt, die niemals schläft, auch heute nicht. Heute, so scheint es, will sie uns willkommen heißen, nach zwei Wochen freut sie sich, uns zurück zu haben. Wir freuen uns auch, New York, es ist schön wieder hier zu sein.

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