Seit nunmehr 7 Jahren lebe ich in Crown Heights, länger als in Fürth oder irgendeinem anderen Platz in der Welt, mit Ausnahme von Erlangen. Vor ein paar Monaten bin ich innerhalb der Nachbarschaft umgezogen, tiefer rein, wenn man so will. Hier, wo das, was man oft Gentrifizierung nennt, noch nicht so fortgeschritten ist, kann man den New Yorker Schmelztiegel immer noch gut erleben. An der Nostrand Avenue, direkt vor unserem Haus, fängt der jüdisch-orthodoxe Teil Crown Heights’ an, die Straße selber ist aber eher von kreolischem Flair. Die U-Bahnstation zwei Blöcke von uns entfernt und technisch bereits Teil von Prospect Lefferts, ist dann auch der Ort, an dem Generationen von Gentrifizierungswellen zusammengemischt werden um sich in praktischen 50er Einheiten nach Manhattan befördern zu lassen. Dort werden sie mit den anderen 3.5 Millionen Menschen Teil einer noch größeren Emulsion.

 

Hier in Crown Heights gibt es zwei Bevölkerungsgruppen, die seit geraumer Zeit vorherrschen: orthodoxe Juden – viele davon Hasidic Jews – auf der einen Seite und  karibische Immigranten – überwiegend schwarzer Hautfarbe – auf der anderen Seite. Das war natürlich nicht immer so, gebaut wurden die großen Apartmentburgen entlang des Eastern Parkway ursprünglich für eine wohlhabende (vermutlich überwiegend weiße) Mittelschicht, was man heute Obere Mittelschicht mit Drang zum Leben im Grünen nennen würde. Vermutlich im Zuge der allgemeinen Stadtflucht haben die “besseren” Leute irgendwann die enger werdende Stadt verlassen und sind in die Suburbs gezogen. Immer mehr ärmere Menschen der “sozialen Unterschicht” sind in die nun billigeren Wohnungen Crown Heights’ gezogen und haben die Spirale des Niedergangs der Nachbarschaft weiter beschleunigt. Irgendwann in den 70er und 80er Jahren waren dann die nicht-jüdischen Teile von Crown Heights so gefährlich, dass es zu fast täglichen Schusswechseln zwischen Gangmitgliedern auf offener Straße kam. Ein Ladenbesitzer an der Ecke Franklin und Eastern Parkway, der dort sein Geschäft seit 20 Jahren betreibt, hat kürzlich von der “schlechten alten Zeit” berichtet. So gab es Phasen, in denen er wöchentlich Schusslöcher in der Fassade stopfen musste und der Weg von der U-Bahn zum Laden, ca. 30 Meter, waren eine tägliche Herausforderung. Heute profitiert er von seinem langen Atem: er betreibt immer noch den Laden, ein mittlerweile dem neuen Klientel angepasster und mit allerlei Biosachen und großer Obsttheke aufgemotzter Edel-Deli.

 

Die erste Gentrifizierungswelle des 21. Jahrhunderts kam als ich 2005 in den Eastern Parkway einzog. Das Haus mit der Nummer 255 ist ein breites, ca. 100 Jahre altes, schlossähnliches Gebäude, mit zurückliegendem Eingang, das durch die dadurch entstehende lange Einfahrt etwas Majestätisches erhält. Im Inneren wird man von einem runden Foyer empfangen, in dem ein Doorman seinen Dienst verrichtet und das sich in zwei Flügel spaltet, die zu den Apartments führen. Das Haus hatte schon damals bessere Zeiten vermuten lassen, mit fortschreitender Veredlung der Nachbarschaft wirkte es zunehmend angemessener an seinem Platz. In den ersten Wochen und Monaten ergab sich auf der Zugfahrt von Manhattan zur Franklin Avenue Station immer ein ähnliches Bild. Die zunächst gemischte Gesellschaft in der Linien 2, 3, 4 oder 5 hat sich auf dem Weg tiefer rein nach Brooklyn zusehends ausgedünnt, im Sinne von Mischung meine ich. Die letzten Menschen weißer Hautfarbe verließen den Zug am Grand Army Plaza, am Rande von Park Slope und Prospekt Heights, zwei Stationen vor der Franklin. Über die Jahre konnte ich dann die Gentrifizierung des westlichen Teils Crown Heights’ live miterleben. Jeden Monat mischten sich mehr und mehr Hipster unter das U-Bahn Volk, rausgepreist aus Williamsburg und der Lower East Side. Da waren sie, die Bärtigen, mit den engen Hosen und Rädern ohne Bremsen und Gänge. Wenn Hässlichkeit Lebenskonzept ist, dann konnte Crown Heights seinen Teil beitragen. Aber die eine oder andere Annehmlichkeit braucht auch einer, der nur von PBR und Chips lebt. Läden zum Beispiel, in denen es PBR und Chips gibt. Und eine fertige Bar zum Tatoos zeigen, die sehen ja zuhause keiner, oder nur die Mitbewohner und die haben selber welche. So kamen dann nach und nach immer mehr Geschäfte in die Franklin und Washington, verdrängten die ohnehin zu große Dichte an Hair und Nail Shops, das störte erstmal keinen, das war der gute Teil der Gentrifizierung. Mit mehr Amenities stiegen dann aber bald die Preise und Immobilienmakler rochen schon die dicke Lunte. Auf der Straße befragte Einheimische fanden die Entwicklung erwartungsgemäß weniger toll. Wer nicht rent-stabilized war spürte die Schattenseite der Stadtteilwiederbelebung – es kam Schwung in die Mieten, und wer nicht mehr mitmachen konnte, musste Crown Heights verlassen und weiter in den Süden ziehen. Glücklicherweise bremste die Immobilienkrise 2008 eine zu krasse und zu schnelle Umwälzung.

 

Das Crown Heights von heute ist immer noch sehr gemischt, von einer vollkommenen Verdrängung der alteingestammten Bevölkerung kann keine Rede sein. Es gibt dafür inzwischen viele nette Restaurants und Bars in der Nachbarschaft, vorwiegend auf der Franklin und Washington Avenue. Es gibt einen netten Biergarten (Franklin Park), einen sehr guten Mexikaner (Chavelas), ein upscale Italiener (von den Machern von Al Di La), und viele andere. Aber Crown Heights ist so riesig, dass wir viele Ecken noch gar nicht entdeckt haben, viele Ecken wohl auch sehr statisch bleiben über viele Jahre. Auf dem südlichen Teil der Nostrand Avenue, wo unser Apartmentgebäude steht, gibt es nicht viel Auswahl. Ein paar karibische Restaurants, die leider viel Frittiertes haben, keine Cafés oder Bars, keine guten Supermärkte mit frischen Sachen. Dafür haben wir mehrere Obst- und Gemüse Läden, einen Fischmarkt und Western Beef um die Ecke. Gentrifizierung scheint hier noch so weit weg wie Manhattan – man kann es in der Ferne schon erkennen aber es dauert noch bis man dort ist.

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