Nachdem ich meine Angst vor 400-Seiten-starken Büchern endlich abgelegt hatte, habe ich mich meinem “letzten” deutschen Buch gewidmet: Julia Franck’s Die Mittagsfrau. Das Buch hat mich ja nochmehr gefesselt als Martin Suters Die dunkle Seite des Mondes. Je mehr ich laß, desto froher war ich über die vielen Seiten, die noch vor mir lagen. Das Buch handelt von der Lebensgeschichte einer Frau, von den Kinderjahren vor dem Ersten Weltkrieg, über beide Kriege hinweg bis zur Zeit nach der Wende. Das Buch beginnt mit einem kurzen Ausschnitt kurz nach dem Krieg, ca. 1946. Aus der Sicht eines Kindes wird beschrieben, dass sich Mutter und Kind in den Nachkriegswirren verlieren, ob von der Mutter gewollt oder nicht, bleibt zunächst unbekannt (der Buchrücken verrät etwas mehr, was ich als eher störend empfand). Nach diesem Prolog geht es dann chronologisch voran, von ca. 1914 bis ca. heute, wobei der Schwerpunkt in den Jahren zwischen den Kriegen lag. Die Geschichte bleibt immer sehr persönlich, politische Ereignisse bleiben größtenteils außen vor. Obwohl die Protagonistin zur Hälfte jüdisch ist und sie sich meist in einem jüdischen Umfeld gewegt, bekommt der Leser nur selten etwas zu spüren von der sich zuspitzenden Gefahr, nur am Rande, stets ohne Wertung. Der geschichtliche Kontext trägt bestimmt ein gutes Stück zur Spannung bei, jedoch ist der Kern der Erzählung die Charakterentwicklung der Hauptfigur. Durch die Vorwegnahme eines Ereignisses, das vermeintliche Zurücklassen des Sohnes auf der Flucht vor Hunger nach dem Krieg, begibt man sich als Leser auf die Suche nach dem Grund dafür, und das dauert bis zum Schluss. Die Mittagsfrau ist daher ein Buch, das man ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr weglegen kann. Ein verregneter Wochenendtrip an einen See hat mir die Zeit geschenkt die zweite Hälfte in einem Rutsch zu lesen. Ein tolles Buch, wer die Muse hat sollte es unbedingt lesen, möglichst in einem Stück.

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