Kaum hat der indianische Sommer seine letzte Energie in das Eröten von Laubblättern gesteckt und wie 50 Millionen Truthähne den Kampf verloren, wird es unweigerlich Zeit für die Vorweihnachtszeit. Das Wort liegt wie ein Damoklesschwert über uns. Besinnlichkeit ist Pflicht. In Kaufhäusern, Lobbies, und Fahrstühlen wird uns das mit Nachdruck ins Gedächtnis gerufen. Zurecht längst vergessen geglaubte Interpreten bekommen ihre späte Chance uns nochmals mit ihrem Talent beglücken zu dürfen. Mit einer Mischung aus saisonaler Nachsicht und stressbedingtem Gleichmut tolerieren wir es und quetschen uns auch mal ein Träne aus den Augen, wenn wir an früher erinnert werden, wo alles besser war zur Weihnachtszeit, mit mehr Schnee und Menschen, die nicht mehr unter uns sind. Das Ganze dient einem guten Zweck: der Stärkung der Volkswirtschaft, des Binnenmarktes um genau zu sein. Das ist auch alles gar nicht schlecht, alles was wir kaufen, hilft anderen, die es verkaufen, wieder etwas kaufen zu können. So funktioniert unsere Marktwirtschaft, hier in den USA und ungefähr genauso in Europa. Die richtig Reichen machen dabei natürlich den besten Deal, aber das führt jetzt zu weit.

Das eigentlich Schöne an der Vorweihnachtszeit, kommt leider immer zu kurz. Fast jede Woche trifft man sich mit Freunden, Arbeitskollegen oder Wildfremden und alle scheinen gut gelaunt zu sein, auf alle Fälle überdurchschnittlich warmherzig und nachgiebig. Selbst tendiert man dazu, seinen Nächsten kleine Fehler zu vergeben, und das obwohl der Stresspegel eigentlich das Gegenteil empfiehlt. Hier, in der Stadt der Extreme, schlägt das Gefühlsbarometer mit voller Feldstärke in beide Richtungen aus. Je stressiger die Situation, desto stärker wird alles mit perfekt inszenierter Stimmung kompensiert. Die Stadt, eigentlich das perfekte Einkaufsmekka, in der man alles findet, was man sich für seine Lieben erträumen kann, spielt Dr Jekyll und Mr Hyde mit uns. In perfekt dekoriertem Ambiente, mit Soundteppich unterlegt, die perfekte Basis für Zehntausende, die hierher flocken, for some christmas shopping. Die hochspezialisierte, arbeitsteilige Welt will aber, dass wir für jede kleine Kleinigkeit woanders hingehen, in einen anderen Laden, am besten in einem anderen Viertel. Uns so ergibt es sich, dass man sich jeden Tag auf kleine Reisen begibt, einmal Bethlehem – Jerusalem und zurück in der Mittagspause, alles zu Fuß, wie vor 2010 Jahren, circa.

Je näher man dem 24ten kommt, desto höher wird der Stresslevel. Das schlechte Gewissen lauert hinter jedem Lebkuchen: man hätte ja schon alle Geschenke haben können, man hätte ja auch noch was Nettes selber machen können, aber jetzt ist es zu spät, jetzt bleibt nur noch der Amazon, oder doch noch mal schnell in die Stadt, ein letztes Mal, jetzt echt.

Zehn Tage haben wir noch, noch 240 Stunden sich was zu wünschen oder einen Wunsch zu erfüllen. Dann kehrt die Ruhe ein, die wir uns so lange gewünscht haben und alles wird gut, wie immer.

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